Die Krise der Ahr-Männer

Männer in der Krise

Warum ein falsches Männerbild in die Hilflosigkeit führt

Männer in der Krise neigen dazu, traumatische Erlebnisse zu verdrängen

Meine Tätigkeit als Gutachter hat mich in den letzten Monaten in regelmäßigen Abständen an die Ahr geführt. Dabei wurde ich immer wieder mit den Schicksalen der Menschen dort konfrontiert. Alle, mit denen ich zusammen gekommen bin, haben viel verloren. Neben den materiellen Schäden an privatem und geschäftlichem Vermögen, hat bei vielen auch die Seele gelitten. Dieses Leid ist jedoch nicht sofort offensichtlich. Oft habe ich beobachtet, wie sich insbesondere die Männer in der Krise durch ständige Beschäftigung abgelenkt haben. So vermeiden sie, immer wieder von den traumatischen Erlebnissen eingeholt zu werden. Das hilft kurzfristig, ist jedoch auf Dauer keine gute Strategie.

Obwohl ich sicherlich nicht befähigt bin, hier eine Diagnose abzugeben, weiß ich wie gefährdet Männer sind, die nicht über ihre traumatischen Erlebnisse sprechen können. Persönliches Leid zuzugeben entspricht nicht ihrem Männerbild.

Ein Telefonat kann für Männer in der Krise ein erster Schritt sein

Männer suchen seltener Hilfe als Frauen, wenn es ihnen psychisch nicht gut geht. Hilfsbedürftigkeit gilt häufig als „unmännlich“. Es kann jedoch jeder Mensch im Lauf seines Lebens an einer Depression oder einem Burnout erkranken. Insbesondere dann, wenn er traumatische Erlebnisse wie in der Flutnacht an der Ahr hatte. Männer neigen zudem dazu, ihren seelischen Gesundheitszustand nicht wahrnehmen zu wollen. Sie sprechen nicht offen darüber. Folglich fällt es Männern in der Krise leichter, in einem ersten Schritt anonyme Krisenhotlines oder die Telefonseelsorge anzurufen. Hingegen fällt es ihnen schwerer, sich z. B. in einem Traumazentrum zu ihren seelischen Problemen zu bekennen.

Seelische Verletzung anzusprechen ist eine Stärke

Männer sind besonders gefährdet. Aufgrund ihres Rollenverständnisses fällt es Ihnen meist schwer, Hilfe anzunehmen oder um Hilfe zu bitten. Als das starke Geschlecht sind sie es gewohnt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Nach wie vor gilt ein Mann als schwach, der sich nicht selbst helfen kann. Er entspricht nicht dem gesellschaftlichen Männerbild. Erfreulicherweise gibt es erste Entwicklungen, die zu einer Änderung dieses Verständnisses führen. Dann gilt es als Stärke, offen über seine seelischen Verletzungen zu sprechen. Ein Wandel des Männerbildes in der Gesellschaft ist damit jedoch noch lange nicht erreicht.

Viele wissen heute, dass aus starken Belastungen im Leben oder infolge von schlimmen Ereignissen wie der Flutkatastrophe im Ahrtal eine seelische Not entstehen kann. Das ist keine Schwäche und keine Schande, sondern eine logische Folge des Traumas.

Sabine Maur, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer

Ein falsches Rollenverständnis kann für Männer in der Krise zu einer Zwangsjacke werden

Meine geschilderten Eindrücke betreffen nur einen kleinen Ausschnitt der Realität. Sicherlich sind sie subjektiv. So habe ich an der Ahr auch Männer erlebt, die aktiv mit angepackt haben und offen über ihre Verfassung sprechen. Mir geht es hier aber um die Männer, die dringend Hilfe brauchen, aber nicht in der Lage sind, sich zu äußern. Ich kann nur an sie appellieren, sich aus der Zwangsjacke ihres schädlichen Rollenverständnisses zu befreien.

Männer werden mehr denn je gebraucht

Natürlich wünsche ich allen Männern, dass sie nicht in diese Hilflosigkeit verfallen. Andererseits empfehle ich unbedingt, Hilfe zu suchen und sie anzunehmen. Dies gilt nicht nur in ihrem eigenen Interesse, sondern auch im Interesse ihrer Partnerinnen und ihrer Familie. Männer werden in Krisen mehr denn je gebraucht. Ihre Zielstrebigkeit, ihr Erfindergeist, ihr Mut und ihre Unbeirrbarkeit sind unverzichtbar. Sie müssen aktiv werden und gemeinsam mit den Frauen den Wiederaufbau an der Ahr gestalten. Nie war es so notwendig wie jetzt, tradierte Männerbilder abzulegen und sich als authentischer Mann den Herausforderungen zu stellen.


Wenn dir beim Lesen dieses Artikels klar geworden ist, dass du Hilfe brauchst, wende dich an einen guten Freund, deinen Hausarzt oder an das Traumahilfezentrum in Grafschaft, Telefon 02641 2079099.

Kontaktaufnahme

Schick mir eine Nachricht, wenn du einen Hinweis oder eine Frage hast. Gerne helfe ich auch als erste Anlaufstelle weiter, wenn du ein Betroffener bist.

Die bei der Kontaktaufnahme über dieses Formular erhobenen personenbezogenen Daten werden von mir nur zur Bearbeitung deiner Anfrage verwendet. Eine weitere Verwendung erfolgt ausschließlich im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen.

Comments

  1. Franz-Josef König says:

    Zwischenzeitlich hat sich herausgestellt, dass es nicht genug Therapieplätze im Ahrtal gibt. Die Wartezeit beträgt bis zu 5 Monaten, was aus meiner Sicht ein nicht zu akzeptierender Zustand ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.